Vor langer, langer Zeit, als Brunnen nicht mal ein Punkt auf den Landkarten war und nur aus ein paar Bauernhöfe und Fischerhütten bestand, wagten sich nur wenige auf den Urmiberg. Dort hausten seit Ewigkeiten Hexen. Immer wieder suchten sie das Dörfchen heim und sorgten für allerlei Schabernack und Unheil. So geschah es oft, dass die Milch schon sauer wurde, bevor sie im Melkeimer landete und nur noch den Schweinen verfüttert werden konnte. Auch den einzigen Bäcker verbrannten bisweilen die Brote, kaum dass sie im Ofen waren und nur noch dem Borstenvieh mundeten. Zogen die Fischer ihre Netze ein, voll Vorfreude auf einen guten Fang, erblickten sie häufig nur vermoderte Fische.

Nun könnte man glauben, dass dies eine gute Zeit für die Schweinezüchter und Metzger gewesen wäre. Doch auch bei ihnen gaben die Hexen keine Ruhe und so ging manches Schwein aus unerklärlichen Gründen ein oder das Fleisch verdarb, noch ehe es verzehrt werden konnte. So bunt trieben es die Hexen, dass sich die Menschen nicht mehr zu helfen wussten und schon in eine andere Gegend ziehen wollten, um nicht in Armut und Elend zugrunde zu gehen.
 
Da verirrte sich ein junger Priester nach Brunnen. Voll Bewunderung blickte er auf See und Berge. Begeistert sprach er einen Fischer an: „Wie glücklich müsst ihr hier leben! Wahrlich ein gesegneter Flecken!“ „Gesegnet?“ gab dieser spöttisch zurück „Wohl vom Teufel persönlich!“ und widmete sich wieder seinen Netzen. Verwundert ging der Gottesmann weiter. Ein Bauer, der sein Vieh auf die Weide trieb, kam ihm entgegen. „Gott zum Grusse“ rief er ihm fröhlich entgegen. „Der hat uns schon lange vergessen!“ brummte der Mann und liess den verdutzten Schwarzrock stehen. Der Duft von frischem Brot lockte den Priester zur Bäckerei. Schon von draussen hörte er den Bäcker lautstark fluchen. Er trat ein und tadelte den aufgebrachten Mann. „Welche Worte kommen da aus eurem Mund! Ziemt sich das für einen gottesfürchtigen Mann?“ „Seht euch doch nur das gute Brot an“ rechtfertigte sich da der Bäcker. „eben noch knusprig und grad recht und nur einen Wimpernschlag später schwarz wie Kohle. Oh diese vermaledeiten Hexen! Dem Berg rauf jagen sollte man sie und in den Höhlen dort oben einsperren!“ „Hexen sagt ihr, treiben ihr Unwesen, hier in diesem schönen Flecken?“ verwundert sah der Priester den Bäcker an. „Oh ja, fast täglich kommen sie vom Berg und treiben ihren Schabernack mit uns. Viele sind schon weggezogen und auch die wenigen, die noch hier sind, wären schon von dannen, wüssten sie wohin.“ Die Verzweiflung war dem Manne ins Gesicht geschrieben und so beschloss der Priester, den Leuten hier zu helfen.
 
Noch am selben Abend trafen sich die Bewohnern Brunnens in der Beiz des einzigen Wirtes im Dorf, um sich zu beraten. Lange überlegten und berieten sie, wie die Hexen in eine Höhle gelockt und dort gebannt werden konnten. Es ging schon bald auf Mitternacht zu, als sie endlich einen Plan fassten. Man wollte sich die Neugier der Hexen zu Nutze machen und wenn dann alle in der Höhle waren, sollte der Priester seinen Bannspruch sagen, um sie für immer darin einzusperren.
 
Schon am nächsten Tag begannen sie. Einer nach dem anderen schleppte einen vollen Rucksack dem Urmiberg hinauf in eine Höhle und kam ohne ihn fröhlich zurück. Die Aktion verfehlte ihren Zweck nicht. Eine Hexe nach der anderen schlich sich neugierig in die Höhle und als auch die letzte darin verschwand, stellte sich der Priester vor den Eingang und sprach den Bann: „Von Aschermittwoch bis Dreikönig soll euch der Ausgang hier versperrt sein, bis in alle Ewigkeit.“ Dazu versprengte er reichlich Weihwasser und ein Junge schwang Weihrauch. Und wirklich, die Hexen konnten die Höhle nicht mehr verlassen, so sehr sie sich auch bemühten. Endlich hatten die armen Leute ihre Ruhe vor ihnen.
Dem aufmerksamen Zuhörer mag aufgefallen sein, dass dem jungen Priester ein kleiner Fehler unterlaufen ist. Zu seiner Verteidigung muss man sagen, dass er vorher noch keine Erfahrungen mit Hexen und Bannsprüchen hatte.
 
Nun, wie dem auch sei, hat er die Zeit von Dreikönig und dem Aschermittwoch vergessen. Und so kommen die Hexen jedes Jahr zur Fasnacht herunter vom Berg. Damit aber niemand auf die Idee kommt, sie auch in dieser Zeit in die Höhle zu bannen, feiern sie lieber mit den Leuten im Dorf. Nur ein klein wenig treiben sie noch Schabernack, vornehmlich am Schmutzigen Donnerstag beim Bartliumzug.
 
 
Brunnen, 11.11.2009
Evi Steinbach